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Kurbel, kurbel, strick, strick

Jedes Jahr an Pfingsten treffen sich Rundkurbler aus ganz Deutschland und vom benachbarten (deutschsprachigen) Ausland zum Austausch über ihre Maschinen. Dabei geht es nur zum Teil um die Produkte, die hauptsächlich auf den Rundstrickmaschinen hergestellt werden, um Socken. Vielmehr interessieren die technischen Zubehörteile, Methoden für die Fehlervermeidung, Bezugsquellen für Maschinen und Ersatzteile, Historisches und vieles mehr, was sich aus den Gesprächen entwickelt.

Ich war in diesem Jahr ohne Maschine angereist. Mein Werkzeug hatte ich vorab bereits versandt, denn ich reiste mit dem Flugzeug und einem Shuttle an, der für mich extra von Brandenburg über den Schönefelder Flughafen zum Zielort Gornsdorf fuhr. Die Reise mit den Öffentlichen erdverbundenen Fahrzeugen hätte mindestens 11 Stunden gedauert – einfache Strecke. Gornsdorf liegt in einer wunderschönen Ecke des Erzgebirges, das für die Entwicklung des Strumpfstrickens und -wirkens bekannt war. „Strumpfwirken“? Ja, die ersten Strümpfe wurden maschinell nicht rundgestrickt, sondern mussten mit Naht zur Bekleidung für die unteren Extremitäten zusammengefügt werden. Alles, was eine Naht hat, bezeichnet man also als „gewirkt“.  Wir erinnern uns hauptsächlich an die sexy Strümpfe mit Naht aus Filmen der 30-er und 40-er Jahre.
Im Gelenauer Strumpfmuseum, das eigens für uns am Samstagabend eine Führung veranstaltete, konnten wir dies und vieles andere erfahren. Warum wurden im Ersten Weltkrieg so viele Rundstrickmaschinen auch für den Hausgebrauch hergestellt? Die Soldaten im Schützengraben starben nicht nur an den Kriegsverletzungen, sondern häufig auch an Fußpilz und dem „Grabenfuß“, wie hier im SPIEGEL-Artikel nachzulesen ist. Für diesen Krieg, in den unfassbare Mengen von Männern aller Altersstufen verheizt wurden, brauchte es auch Socken, die „an der Heimatfront“ von den zumeist weiblichen Verwandten hergestellt wurden.

Viele weitere historische Fakten wurden ausgetauscht, vor allem auch über die Ausbeutung heimischer Sockenstricker/-innen, denen für viel Geld die Sockenmaschinen verkauft oder per „Leasing“ überlassen wurden, für die hergestellten, in Kommission gestrickten Socken, wurde nur geringes Geld bezahlt.

Über unseren Aufenthalt in Gornsdorf berichteten auch die Medien von Zeitungen hier und hier über Hörfunk bis hin zur ARD-Mediathek. Da die Beiträge dort nur begrenzt abrufbar sind, bitte hier downloaden, Sylvia Falk hat das Video dankenswerterweise verlinkt. Auch im Kabeljournal  wurde berichtet und ein Video über das Treffen mit dem Titel „Stricker von Gornsdorf begeistert“ gedreht.

Unser Treffen im Rathaus wurde auch von der Öffentlichkeit gewürdigt. Viele Besucherinnen und Besucher, die teilweise selbst in der Strumpfindustrie tätig waren, kamen und erzählten aus früheren Zeiten. Von der Maschinenbedienerin bis zur Fachkraft, die mit der Repassiernadel Strümpfen die Laufmaschen beseitigte, waren nahezu alle Berufsgruppen der Strumpfindustrie vertreten, und wir erfuhren Details, von denen wir sonst nie gehört hätten.

Wir zeigten nicht nur unsere neuesten Projekte und Produkte, sondern tauschten auch Material. Moni aus Tettnang hat einen Riesensack mit „Schrottwolle“ gebracht, aus dem sich jeder bedienen durfte. Schrottwolle ist unverzichtbar für das Stricken mit Handstrickapparaten, Beginn und Ende einer jeden Socke benötigt für andere Zwecke unbrauchbares Garn, das am Ende entsorgt wird. Außerdem hatte sie ein Bündel Arbeitshaken dabei, von denen sich jeder bedienen durfte. Wunderbar, wie man in der Gemeinschaft für alle eine Freude bereit hält!

Da ich auch ohne Gewichte und Nähwerkzeug anreiste, musste ich mir alles zusammenschnorren. Gisela Schmetterblau stiftete Schere, Nadel, Maßband und Wollwickler, und Moni spendete ein Gewicht, so dass ich auf Toms bereitgestellter Gustav Nissen mit 72-er Zylinder loslegen konnte. Die Zeit in Gornsdorf hat für sechs Schläuche gereicht. Es wurden immer 4 Fäden zu einem Farbton zusammen gefügt, was ich eben im Koffer unterbringen konnte. Dadurch erscheinen die Rechtecke immer anders schattiert.

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Auf der Baustelle des Nachbargrundstücks fotografiert

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zuhause kurbelte ich die beiden restlichen Schläuche. Da musste ich feststellen, dass ich ja nur zwei 84-er Zylinder habe, meine Schläuche also breiter wurden durch 84 anstatt 72 Nadeln im Strickzylinder. Das braune Garn reichte bis auf ein kleines Knüddelchen gerade für die beiden Schläuche, die ich jeweils außen anfügte.

Heise-Rundstricker

 

Die Decke ist reversibel, zeigt also beidseitig das gleiche Gesicht. Durch das Zusammennähen im Matratzenstich ist Vorder- und Rückseite ununterscheidbar. Damit ist nicht Double-Face gemeint, wo Vorder- und Rückseite gegengleich sind, wie das Negativ eines Analog-Fotos. Die Schläuche sehen ringsum gleich aus, deshalb ist die Rückseite nicht „das Negativ“ der Vorderseite.
Schöne Ränder sind gleich inbegriffen. Huch!, da ist ja eine Masche entwichen, eine typische Laufmasche also. Dank einer freundlichen Dame, die mir das Repassieren beibrachte, konnte ich die Laufmasche fachgerecht und unsichtbar wieder befestigen, sogar nach dem Waschen der Decke.

 

Die Decke ist 115cm/170cm groß und wiegt 1450g.
Wie lange ich gebraucht habe? Für die Kurbelei ca. 20 Stunden und +/- 10 weitere für das Zusammenfügen. Die Decke geht wieder zum Hilfsprojekt AMPO.

Die nächste Kurbel-Decke ist bereits in Arbeit. Dieses Mal mit der anderen Maschine gestrickt, der Rekord.
Es gibt noch sehr viele Garne im Vorrat. Da sind diejenigen Inhalte noch gar nicht mitgezählt, die mir letztes Jahr von Ulrike und Johanna übereignet wurden, also fast 12kg. Für das Jahresende habe ich mir vorgenommen, alle Vorräte zu wiegen. Solche wunderbaren Listen, wie viele anlegen, um den Überblick über die Mengen und Qualitäten zu bekommen, brauche ich nicht. Dazu schaue ich einfach in meine Kunststoffbehälter.Merken

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