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„Innocent“ – von wegen unschuldig: Cola-Konzern instrumentalisiert Strickerinnen

Was gibt es also zu meckern? An der Kampagne stimmt so einiges nicht.
 

Der Wert, den der Coca-Cola-Konzern mit Innocent den Mützchen zubilligt

  • 528.755 Mützchen wurden für das DRK beim letzten Mal 2016 in Deutschland gestrickt. Das ringt mir großen Respekt ab, auch was in den Nachbarländern Österreich und Schweiz genadelt wurde, das summiert sich auf über 1,3 Mio Mützchen.

 

  • 20 Cent für jedes Mützchen. Wie lange strickt man daran? Ich lege mal den gesetzlichen Mindestlohn von 8,84 €/Stunde zugrunde. Von diesem Mindestlohn bezahlt Innocent 1,5 Minuten Arbeitszeit fürs Stricken. In vielen Foren wird debattiert, wie wenig heutzutage Handarbeit geschätzt wird, und dass sich Käufer darüber aufregen, wenn handgestrickte Socken zu einem Preis verkauft werden, der die Strickzeit nicht annähernd vergütet.
    Müsste man für den Lebensunterhalt Mützchen für Coca-Cola stricken, würde man also verhungern, so schnell bekommt man das nicht mal mit dem Handstrickapparat hin.

 

  • Die Mützchen werden natürlich umsonst gestrickt, denn es ist ja für ein gutes Anliegen, und die Strickerin gibt über ihre Zeit hinaus noch das Material – also Garn – dazu.
    → Das bedeutet: der Wert des Mützchens und derjenige der Arbeitszeit der Strickerinnen wird durch Innocent mit dieser lächerlichen Vergütung auf perfide Art herabgewürdigt und entwertet.

 

Die Nachhaltigkeit der Mützchen

  • Was passiert nach dem Kauf mit den Mützchen? Ein paar werden vielleicht behalten – wofür auch immer, Eierwärmer vielleicht.
    Und was geschieht mit dem Rest?

 

  • Ich lege einmal 10g Garn für ein Mützchen zugrunde, dann wurden mit den o.g. 528.755 Mützchen 5288,755 Kilogramm oder rund 5,289 Tonnen Garn verbraucht. Also 5 Tonnen Material, das genau betrachtet Müll ist. Ich höre schon einige sagen: es gibt aber doch viel schlimmeren Abfall! Stimmt. Genau das ist der Grund, nicht noch mehr hinterher zu schmeißen und damit die Mützchen auf ein Niveau mit Verpackungsmüll zu stellen.

 

  • Wie wird dieser Müll entsorgt? Verbrannt? In eine Deponie zum Verrotten gebracht? Wie lange warten wir bis Acrylgarn verrottet ist? 25-30 Jahre?
    → Das bedeutet: Innocent veranlasst Strickerinnen zu unnötiger Umweltverschmutzung durch Einweg-Produkte. Mangelnde Nachhaltigkeit und Belastung der Umwelt sind Nebeneffekte, die den Nutzen der Mützchen nicht aufwiegen.

 

Die Verschwendung von Ressourcen

  • Ich habe es im vorigen Abschnitt bereits angedeutet: Einwegprodukte zum Zwecke des Spendens zu generieren und sie dann wegzuschmeißen ist für jemanden, der halbwegs mit Verstand ausgestattet ist, unfassbar.
    Ja, man kann Verschwendung auf verschiedene Arten und Weisen zelebrieren, fast jeder von uns tut das in einem gewissen Rahmen, aber als Deckmäntelchen einen „guten Zweck“ darüber zu hängen ist wohl eine Irreführung, die man sich nur in einem großen Konzern ausdenken kann.

 

  • Für die Imagepflege des Konzerns wird Zeit und Geld von gutgläubigen und hilfsbereiten Strickerinnen verschwendet. Viel Lebenszeit und Material verschwinden in diesem Marketinginstrument, auch Geld für Porto, Verpackung, Presseartikel, Werbemaßnahmen …
    Es profitiert noch ein Konzern: die Post. Was es allein kostet, die Mützchen zu Innocent zu schicken, wir erinnern uns: mehr als 5 Tonnen Gewicht
    → Das bedeutet: Innocent instrumentalisiert die Lebens- und Arbeitszeit von Strickerinnen für ihre eigenen Zwecke. Man nennt das: Hilfsbereitschaft schamlos ausnützen.

 

  • Wenn wir noch einmal die Materialfülle betrachten, die da verplempert wird: ich könnte mir Monogramme in den Hintern beißen, dass dieses Garn nicht dazu verwendet wird, Decken, Mützen, Schals, Socken, Baby- und Kindersachen und was auch immer Wärmendes für reale Menschen anzufertigten, die das brauchen und sich riesig darüber freuen, dass sie etwas ganz Individuelles bekommen.
    Mit der Masse an Material kann man nachhaltigere Kleidung anfertigen und damit positive und länger anhaltende Freuden erzeugen, anstatt eines oberflächlichen Gags im Kühlregal mit sofortigem Mülleffekt.

 

Wer gewinnt vor allem?

  • Man ahnt es schon: der Coca-Cola-Konzern. Wenn man sieht, wieviel werblicher Aufwand betrieben werden muss, um die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen, dann sind die paar Hundertausend Euro, die in gute Zwecke investiert werden, nicht mal der Bodensatz in der Portokasse. Man braucht nur mal die Werbekosten zur Hauptsendezeit zu betrachten. Wer mag schätzen, wie viele Millionen das kostet?
    Warum gibt man das Geld nicht gleich den Bedürftigen, anstatt die eigene Imagepflege mit dem Mantel der Wohltätigkeit zu verbrämen?

 

  • Diese Frage ist zu kurz gesprungen. Hier werden ja nicht nur Spenden generiert, sondern die Marketingabteilung wird argumentieren: wir schaffen für viele Strickerinnen ein supertolles Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, das ist der Gewinn und die Belohnung für den produktiven Teil der Aktion. Man durfte Teil einer großen Kampagne sein, das schafft ein Gemeinschaftsgefühl und bindet die Strickerinnen an ein vermeintlich hochwertiges, weil mit eigenem Mützchen versehenes Produkt. Also die Hauptakteure, die Strickerinnen dieser Wertschöpfung werden mit einem Dankeschön abgespeist.

 

  • Auch die Post verdient, wie schon angedeutet, und die Garnhersteller. Dass ihre Produkte im Müll landen, wird sie nicht groß kümmern.

 

  • Alles in allem ist das ein ziemlich ineffizienter Aufwand für die vergleichsweise geringe „Spende“. Wir erinnern uns, mit welcher Wertigkeit der Konzern die Arbeit der Strickerinnen einschätzt, jämmerlich. Es muss also einerseits die Image-Aufwertung und andererseits der Zusatzgewinn über verkaufte Produkte sein, den der Konzern anstrebt; vielleicht gibt es noch einen weiteren Nutzen, den ich gerade nicht entdecke. Wie schon gesagt: hilfsbereite Strickerinnen werden kostenlos für die Reputation eines Konzerns eingespannt und müssen auch noch das Material dafür liefern.

 

  • Vermutlich sage ich nichts Falsches wenn ich annehme, dass die Bewerbung der Kampagne mehr kostet als die Mützchen an Geld einbringen. Und vermutlich lachen sich einige CEOs über die Aktion einen Ast über diese geniale Idee, das Konzern-Image aufzuwerten.
    Tja, Image aufwerten mit Socken oder Mützen tragenden Obdachlosen ist nicht so einfach. Die schauen halt nicht so schnuckelig aus, wie die Flaschenkäppchen.

 

Wie können wir effektiv und effizient handeln?

  • Wie können wir die Produkte unserer Kreativität und Produktivität direkt den Bedürftigen zukommen lassen?
    Wenn wir einzelnen caritativen Einrichtungen Geld spenden wollen, dann kann man das direkt tun: Caritas, Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz und andere Einrichtungen, alle haben Ortsvereine, die sich unmittelbar um die Bedürftigen vor Ort kümmern und das Geld auch direkt dort einsetzen. Es entfallen dabei auch die hohen Kosten, die in der Regel von den Spenden abgezogen werden, um die Verwaltungskosten der Institutionen zu decken. Je größer der Verein, umso mehr fließt in der Regel von der Spende in die Verwaltung.

 

  • In vielen Orten bieten die Religions-Gemeinschaften, ehrenamtliche oder freiwillige Gruppen Stricknachmittage an, in denen für Bedürftige gehandarbeitet wird (Obdachlose, Flüchtlinge, Krankenhäuser, Altenheime…), oft werden die Produkte an Basaren verkauft. Das Geld kommt dann Bedürftigen regional zugute.

 

  • Wer sich dort nicht beteiligen kann oder will, kann bei Ravelry bei der Gruppe Handarbeiten für Caritative Einrichtungen schauen. Hier gibt es so viele Möglichkeiten Sachen zu stricken, die direkt den Betroffenen zukommen, dass man fast schon die Qual der Wahl hat. 
  • Zugegeben: bei diesen Vorschlägen bekommt man nicht von einem Konzern die werbliche Unterstützung. Wem es darum geht, mediengestützt den Gutmenschen rauszuhängen, wird mit Handarbeiten wohl kaum die große öffentliche Anerkennung bekommen. Wer jedoch gerne bei einre öffentlichkeitswirksamen Kampagne mitwirken möchte, sollte sich die Beteiligten genau anschauen: handeln sie für den guten Zweck oder fürs eigene Image? Oft lässt sich dass nicht sortenrein trennen. Man muss nun aber nicht hinter jeder Kampagne eine konzerngesteuerte Aktion vermuten.
    Wenn jedoch ein großer Konzern so lächerliche Beträge sponsert (nicht spendet, spenden wäre uneigennützig und ohne Gegenleistung), darf man sich ruhig fragen, ob man gern Erfüllungsgehilfe für einen Ausbeuter sein möchte.

 

Ich selbst handarbeite neben den Sachen für AMPO auch für Obdachlose in Freiburg. Die Sachen gebe ich am Essenstreff ab. Da freut man sich über Mützen, Handschuhe, Schals, Cowls, Socken, Pullis, Jacken. Die direkte Dankbarkeit der damit Versorgten bekommt man auch selten. Obdachlose sind raue Gesellinnen und Geselllen. Aber man kann sicher sein: die Sachen werden wert geschätzt und vor allem benutzt.

 

Dieser Beitrag wurde von The Knitting Goddess angeregt.
„Das große Stricken“
, die Aktion macht in 2017 eine Pause. Vielleicht war ihnen der Aufwand zu groß, vielleicht haben die Strickerinnen aber auch erkannt, dass die Aktion einer Ausbeutung gleich kommt. Schaut euch aber die Galerie an: umwerfend, was dort an kleinen Kunstwerken genadelt wurde. So schade zum Wegwerfen.

8 Gedanken zu „„Innocent“ – von wegen unschuldig: Cola-Konzern instrumentalisiert Strickerinnen

  1. LanArta sagt:

    Angela von Bestrickendes schreibt (kam wegen störrischem Captcha nicht in die Kommentarfunktion)

    Hallo Michaela,

    ich fürchte, dass bei Innocent niemand in dieser Tiefe über das Problem nachgedacht hat – das war die Idee einer Praktikantin und die hippen KollegInnen bei innocent fanden die Idee cool…. Dann hat jemand die „challenge! von 1 Mio Mützen kreiiert…

    Man kann ja mal am Bananafon anrufen…. (schauder! Unternehmenswebseiten, die den Besucher duzen…)

    Ich habe vor 2 oder 3 Jahren sogar mal ein Nadelspiel 4mm und Acrylgarn unverlangt zugeschickt bekommen, damit ich Mützen stricke für die Saftflaschen. (Das Garn inkl. Nadeln hab ich damals verschenkt.)

     

    Antworten
    • LanArta sagt:

      Hallo, Angela,

      danke füre diese aufschlussreiche Information!

      Ja, so kann einem die Aktion vorkommen: undurchdachtes Projekt.

      Viele Grüße

       

      Michaela

      Antworten
  2. Klara sagt:

    Es ist wahr, was Du hier aufgeschrieben hast. Ich habe diese Mützchenaktion vor vielen Jahren in einem Supermarkt zum ersten Mal erblickt. Und ein Mützchen hatte es unserer damals kleinen Tochter angetan, so kam sie zu uns, die unnützeste Mütze im ganzen Haushalt. Aber sie zierte unsere Plätzchenetagere viele Jahre lang, und ich habe mich an ihr erfreut.

    Die anderen Aspekte waren mir nicht verborgen. Auch ich habe mich gefragt, wer sich wohl von diesem Aufruf anzesprochen fühlt, und seine Zeit, Material und Kreativität in etwas zu stecken, das hinten und vorne keinen Sinn macht. Aber es ist dann nicht nur das: die Logistik und der Werbeaufwand sind tatsächlich die noch gewaltigeren Dimensionen hinter einer solchen Aktion. Das war mir nicht wirklich bewusst.

    Ich lese zur Zeit das Buch „Die unterste Milliarde“ von Paul Collier. Ich fühle mich beschämt, kaum darüber nachgedacht zu haben, unter welchen Zuständen Menschen ihr Leben leben müssen. Nachgedacht habe ich ganz sicher, aber eben nicht in dieser Tiefe.

    Vor diesem Hintergrund ist diese dämliche Mützchenaktion dekadent und doof. Manchmal  frage ich mich auch, warum das Rote Kreuz sich für solche Aktionen hergibt. Aber das Rote Kreuz ist dann halt auch nur ein Unternehmen…

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    • LanArta sagt:

      Liebe Klara,
      danke für deine Überlegungen
      Es müssen viele gewesen sein, die Mützchen gestrickt haben, und ich frage mich auch: was bringt einen dazu, so etwas zu unterstützen.
      Danke für den Buchtipp, das Buch kenne ich nicht, habe es aber gleich in unserer Bibliothek vorbestellt.
      Mir geht es ähnlich: früher habe ich diese Themen viel mehr an mich herankommen lassen und war auch aktiver. Aber heute sehe ich meine Hilflosigkeit bei solchen kompexen Themen. Man muss dankbar sein, dass sich wenigstens jemand der Thematik annimmt und aufmerksam macht.

      Was die großen Unternehmen wie das Rote Kreuz leisten, ist definitiv notwendig und wichtig, vor allem in den Ortsvereinen, die ja viel ehrenamtliche Unterstützer haben. Die müssen sich vermutlich auch dem Entscheid beugen, und einige denken sich bestimmt ihren Teil. Z.B., dass viele vielleicht eher Blut spenden sollten statt Mützchen.

      Viele Grüße

      Micharla

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  3. Eva sagt:

    Stimmt alles, ich fand die Idee auch quatsch, sogar meine 88 jährige Mutter fand das total daneben.

    Es stimmt auch, dass es viel Institutionen gibt, die sinnvollere Strickereien gerne entgegennehmen, aber viele finden keine Zugang dazu oder trauen sich ganz einfach nicht. Diese Mützchen sind klein und man hat relativ schnell ein paar zusammen, Socken, Schal etc. dauern eben einfach länger.

    Ich sehe es bei meiner Mutter, da liegt viel Strickzeit brach……….

    Lg Eva

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    • LanArta sagt:

      Liebe Eva,

      ich bin ganz deiner Auffassung.
      Das ist schade, wenn die Leute zwar Zeit investieren, um so einen Quatsch zu stricken, aber den gleichen Aufwand beispielsweise nicht in Frühchenmützen investieren.

      Falls deine Mutter gerne etwas macht: sie könnte Patches stricken oder häkeln, die braucht sie noch nicht einmal zusammenzufügen, dafür hat es liebes Personal, ich vermittle das gerne.

      In der Schweiz kenne ich auch jemanden, der sich um Stricksachen für Schmetterlingskinder kümmert, also totgeborene Kinder, die darin würdig bestattet werden.

      Viele Grüße

      Michaela

      Antworten
  4. LanArta sagt:

    Hallo, Waltraud,

    danke für deinen Kommentar!
    Ja, bei über einer halben Million Mützchen müssen da eine ganze Menge Strickerinnen teilgenommen haben. Ich wusste nicht, dass die Aktion schon so oft stattfand, in England läuft sie immer noch.

    Und du hast völlig Recht: es fängt bei den Rohstoffen an, obwohl sicher viele argumentieren „ich habe bloß Reste verbraucht“.

    Grob übern Daumen gepeilt hätte man mit dem Garn gute 30 – 40 000 gute Kleidungsstücke machen können, wenn man nur Socken gestrickt hätte, bestimmt das Doppelte.

    Was mich am meisten ärgert: dass die Strickerinnen ihre Zeit einem Konzern in den Rachen werfen, und dabei könnten sie Menschen etwas richtig Gutes tun. Man glaubt gar nicht, wie sich Menschen freuen, wenn sie keine Industrieware bekommen, sondern etwas eigenes, Individuelles, das nur sie besitzen.

     

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  5. waltraud hub sagt:

    Danke für diesen tollen Beitrag. Die Argumente gegen diese Mützchen haben Hand und Fuß. Solcherlei Werbegags kann ich schon mal gar nicht leiden, und diese Verschwendung auch nicht. Es hört mit dem Müllberg auf, aber anfangen tut es mit Rohstoffen. Dieses Material was da verstrickt wurde, ist wahrscheinlich zum großen Teil ein Erdölprodukt, da fängt die Verschwendung schon an. Geht dann weiter über die Herstellung, verbraucht Energie und wird da schon in der Gegend herumgekarrt, bis es beim Händler ist. Ich kannte diese Aktion gar nicht, ist an mir vorübergegangen.

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