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Icke in Bealien

Das Landei (ich) fuhr in die Großstadt. Wie im Titel hörte es sich für meine südwestdeutschen Ohren an, als ich aus dem Bus stieg. Jut: erstmal 500m zur U-Bahn-Station laufen, dann bis Spittelmarkt fahren. Mein Domizil war bei Gisela, die bereits seit Mitte der 70er in genau dem Haus wohnt, von dem aus ich die Bilder gemacht habe. Gisela verwöhnte mich maßlos mit maßgeschneidertem, leckeren Essen und bequemem Bett, besser geht es nicht.
Vor allem war Gisela nicht nur zu allen Schandtaten bereit, sondern war der beste Tourguide, den man sich wünschen kann (heißt die weibliche Form dann „Tourguidin“?). Fahrpläne wurden nicht gebraucht, Gisela ist das wandelnde BVG-Liniennetz.

Hier erst einmal der Blick von ihrem Balkon im 15. Stock als kleine Videos, die ich mit meinem 10 Jahre alten Fotoapparat gefilmt habe.
Vorsicht, damit euch nicht schwindlig wird! Ganz schön laut da oben, was?

 

 

Und als Bilderschau

Diese Galerie enthält 15 Fotos.

 

Drei Tage war ich in Berlin, Hauptziel war die „Textile Art“ in Kreuzberg, die über zwei Tage ging. Gut, dass wir diese beiden Tagen auch eingeplant hatten, denn das Schauen war überwältigend und ermüdend, zumal wir von der Bushaltestelle immer noch 1km in sengender Hitze oder schweißtreibender Schwüle gelaufen sind.
Am Samstag sahen wir uns im Erdgeschoss und im Untergeschoss um. Für meinen Geschmack gab es zu viele gleichartige Quilts, aber diese zierten die Wände der ansonsten klassischen Schulbau-Architektur der Carl-von-Ossietzky-Schule in Kreuzberg.
Im Obergeschoss hatten die Schülerinnen und Schüler ein überwältigendes Büffet aufgebaut. Wir nahmen aber nur Kaffee dort ein und ruhten die Füße aus. Ansonsten wurde Mitgebrachtes verzehrt. Überhaupt führten die Schülerinnen und Schüler Regie: Eintritt, Getränkeverkauf, Reinigung, Empfang: alles hatten sie voll im Griff.

Das Obergeschoss schauten wir uns inhaltlich am Sonntag an und hätten uns in fast jedem Raum ewig aufhalten können, zumal da auch Workshops stattfanden.
Wir starteten mit dem Vortrag „Handarbeiten? Unverzichtbar!“, den ich so spannend fand, dass ihn die Vortragende Christine Groß mir dankenswerterweise zum ruhigen Nachlesen per Mail zuschickte.  Die Bedeutung der Handarbeit für die Menschheitsentwicklung wurde ebenso überzeugend dargestellt, wie die Wichtigkeit für die eigene Persönlichkeitsentwicklung.

Dann betraten wir den Bereich „Verkaufs- und Infostände“.  Anstatt einer Aufzählung verweise ich auf die Liste der Verkaufsstände, die das vielfältige Angebot widerspiegelt. Für meine Schwiegermutter kaufte ich zum Geburtstag bei einer Professorin für Textilwerkkunst einen gefilzten Schal. Hacer Nurgül Begiç berichtete, dass die türkische Regierung ihre Schals erwerbe, um sie als Gastgeschenke bei Stattsbesuchen mitzunehmen. Angesichts der neueren Entwicklung der türkischen Politik kamen mir kurz Zweifel, ob der Kauf politisch korrekt war, aber gute Handwerkskunst steht über politischen Konflikten.

Die vielen schönen Projekte und Produkte machten mich ganz wuschig, irgendwann waren wir kaum noch aufnahmefähig. In guter Erinnerung blieb mir Aiste Anaite, die atemberaubende Designs zu moderaten Preisen vorstellte. Im Herbst ist sie hier ganz in der Nähe, da werde ich mir ihre Kollektion noch einmal mit mehr Muße ansehen.
Die Stoffe haben spannende Biesenmuster und die Jacken waren zu einem großen Teil wendbar. Hier ein Modell, dessen Bild ich von der Seite entnommen habe.

Bildquelle

 

Eine Überraschung erwartete uns 10 Minuten, bevor ich zum Workshop „Konfetti-Quilten“ gehen wollte: Strickfreundin Karin Fischer aus Chemnitz hatte einen Stand mit ihren Produkten und berichtete, dass am Vortag vier gemeinsame Strickfreundinnen da gewesen seien. Wir haben uns buchstäblich verpasst, weil wir erdgeschossig wandelten und die vier Damen obergeschossig. Das nächste mal werde ich die vier Verdächtigen vorher anschreiben, damit eine Begegnung stattfinden kann.

Dann eilte ich zu dem Workshop, den ich mir aus der  Fülle der Angebote heraus gesucht habe. Nicht ohne Grund wählte ich das Konfetti-Quilten. Einerseits, weil man durchgehend in das Projekt einsteigen konnte, andererseits, weil ich damit die Absicht verknüpfe, die Technik einmal zusammen mit meinen bastelwütigen Nichten auszuprobieren.

Kurz beschreibt sich die Technik so:

  • Es werden mit dem Rollcutter verschiedenfarbige Stoffe zu kleinen Schnipseln – Konfetti – zerschnitten
  • Ein (einfarbiger) Stoff wird mit einem Motiv versehen (Bügelmotiv, handgemalte Konturen
  • Mit den farbigen Schnipseln bedeckt man die Konturen. Kennt noch jemand diese Steinchenbilder von früher? Das war so eine Art „Malen nach Zahlen“ mit eingefärbten Steinchen.
    So macht man das mit den Schnipseln
  • Wenn das Motiv zufriedenstellend gelegt ist, wird es mit einer Gaze / Tüll bedeckt, im Hausgebrauch kann man dafür sicher auch eine ausgediente Gardine nehmen.
  • Dann werden die Konturen mit geteiltem Stickfaden umstochen, damit die Konfettis nicht verrutschen. Mit selbst gewählten Linien kann man dem Motiv noch reliefartige Tiefe geben.
  • Schließlich schneidet man den Tüll ringsum ab, so dass nur noch das Motiv übrig bleibt.

Ich hatte nur noch wenig Zeit vor Schließung, so dass weder Sorgfalt noch Detailreichtum bei meinem Projektchen im Vordergrund standen, ich wollte nur wissen, wie es geht. Zuhause habe ich den Rest mit der Maschine gearbeitet.

Wer sich über meinen dilettantischen Versuch amüsiert, kann sich die Werke von der „Erfinderin“ der Technik Noriko Endo ansehen, die Galerie zeigt den typischen japanischen Stil, der auch in der Konfetti-Technik zum Ausdruck kommt.

Bildquelle

 

Die Modenschauen am Samstagabend haben wir beim besten Willen nicht mehr geschafft, wir wollten noch in die Aussstellung über Hieronymus Boschs Tryptichon.
So muss Ausstellung sein über ein Werk eines Künstlers, von dem man kaum biografische Daten hat. Die Faszination der Bilder wurde durch die Art der Darbietung noch gesteigert. Wenn es nicht schon so spät gewesen wäre, hätte ich mir alles noch einmal angesehen.
Die Zeittafel, die im Jahresrhythmus darstellte, was im Laufe der Lebenszeit von Hieronymus Bosch passierte, hätte man besser präsentieren sollen. Wenn mehr als eine Person davor stand, konnte man nichts mehr lesen, klein gedruckt und winizige, wenngleich farbenprächtige Bildchen aus einem Guss.

Am Montag war Mitbringsel-Shopping angesagt, neben der Ballonfahrt. Und: ich habe mich mit Conny getroffen, die ich bereits seit Anbeginn der Newsgroups kenne. Wir waren beide in der Group Maus-Kreativ-Handarbeiten, wo man dank Kerstin heute noch unsere Werke und Aktionen bewundern kann. 15 Jahre ist das her. Wir haben uns seither dreimal getroffen und sind gleich wieder ins Gespräch eingestiegen. Auch mit Connys Lebensgefährten gab es gemeinsame Gesprächsthemen, er war ebenfalls in einer Newsgroup, in der ich auch war, und wir lästerten über alte Zeiten.

Wir stellten fest, dass wir regelmäßig zwischen Weihnachten und Neujahr auf der gleichen Veranstaltung sind, uns aber nie begegnet waren. Unvorstellbar: zusammen in einem Gebäude, aber kein Zusammentreffen, während Conny keine 100m entfernt im angebauten Hotel saß. Das werden wir aber in diesem Jahr ändern.

Man kann sich vorstellen, dass ich nach diesen drei Tagen wie ausgewrungen zuhause ankam.

 

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