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Spannbrett in der Maschenwelt

Die Gadgets und Gimmicks in der Welt der Wollen und Garne nehmen stets zu. Immer neues Zubehör, angeblich unentbehrliche Hilfsmittel soll die Kauflust an- und ausreizen. Manches ist nützlich, vieles nicht. Beispielsweise halte ich Reihenzähler fürs Häkeln und Stricken für überflüssig, seien sie als Armbänder, Drehknöpfe mit Zahlenfenstern, elektronische Varianten oder anderen Ausprägungen erhältlich. Viele schwören drauf, mir reicht ein angeknüpfter Zählfaden, den ich alle 6 oder 10 Reihen um eine Masche lege.

Ich verwende Maschenmarkierer, die viele für entbehrlich halten und statt dessen lieber eine bunte Fadenschlaufe nehmen. Ganz gefährlich für mich. Häufig lese ich neben dem Stricken oder Häkeln, und da würde ich so ein Fädchen übersehen. Ein knubbeliger Maschenmarkierer kommt mir schon haptisch in die Quere und erinnert mich: jetzt ist ein Wechsel in der Routine fällig.

Individualisierte Nadeln mit meinem Namen brauche ich nicht, weil ich einen hohen Verschleiß habe.
Mein neuester Fund in Sachen “brauch ich nicht” sind sogenannte Maschenfixierer, um die Maschen daran zu hindern, in die Mitte der Rundnadel zu rutschen und damit lästiges Schieben zu vermeiden. Bekäme ich diese Fixierer geschenkt, würde ich sie wohl ausprobieren. Den gleichen Effekt habe ich auch schon mit Haargummi erzielt. Dieses Video informiert über die Handhabung des Tools, dabei ist das Teil genau bei dem Strickstück wahrlich überflüssig, weil diese Maschenprobe von selbst nicht in die Mitte rutschen kann, dazu müsste man schon einen Demolappen stricken, der über die Nadel hinausgeht und zeigt, wie die Maschen gestoppt werden.

Neulich jedoch wurde bei mir die Begehrlichkeit für ein Spannbrett geweckt. Nicht für Bekleidungsteile, sondern zum Aufspannen von Häkel- und Strickmodulen für Decken.
Was soll das bewirken, fragt sich die Handarbeitende, die bisher ohne ausgekommen ist. So wie ich. In letzter Zeit habe ich Häkelmodule angefeuchtet, auf gleiche Größe und Form gespannt und dann zusammengehäkelt. Ein merkbarer Unterschied, ob man Patche zusammenfügt, die sich kringeln und verzerren oder solche, die sich geschmeidig weiter verarbeiten lassen. Gerade bei Garnen unterschiedlicher Provenienz können die Module schonmal verschieden in der Größe ausfallen.

Bei Lillabjorncrochet habe ich mir dieses Beispiel entliehen, da gerade keine Deckenmodule zur Hand sind.

Nach “Spannbrett” zu suchen ist nicht zielführend, obwohl es genau das ist. Wie in vielem sind uns andere Nationen  in der Hilfsmittelentwicklung fürs Häkeln voraus. Da wird auch mehr gehäkelt als bei uns, habe ich den Eindruck.

In der Netzwelt findet man die Spannbretter unter dem Begriff “Blocking Board”.
Wenn gleich Beispiele folgen, ist das keine Werbung für bestimmte Produkte, sondern die visuelle Unterstützung für den Begriff “Blocking Board”.

Generell besteht ein Spannbrett aus einem Holzbrett oder aus Kunststoff und enthält entsprechende Löcher, um geometrische Figuren zu spannen, Quadrate, Sechsecke, Achtecke, um die gängigsten zu nennen. Mittels beigefügter Haltestifte fixiert man die feuchten Patche auf dem Brett und lässt sie so trocknen.

Dass die Entwicklung der Boards nicht erst am Anfang steht, kann man bei diesen Produkten sehen, auch die Preise stammen aus der gehobenen Klasse. Bei Etsy oder diversen Herstellern kann man sich über die verschiedenen Boards kundig machen. Es gibt sie auch aus Kunststoff, lasererzeugt.

Haltestifte sind zum Schrauben oder Stecken, aus Metall oder Holz. Wobei ich letztere nicht ganz überzeugend finde, wenn so ein Stäbchen abbricht, ist es vermutlich nur schwer wieder aus dem Loch zu entfernen.

Unter allen Varianten fand ich das Brett mit dieser Belöcherung am überzeugendsten (Bezugs- und Bildquelle)
Man kann damit die gängigsten geometrischen Flächen der euklidischen Geometrie spannen.

“Das kann ich auch selbst”, war mein erster Gedanke, der zweite: “endlich eine sinnvolle Verwendung für die unzähligen Alu-Strumpfstricknadeln, die man beim Kauf von Discounter-Sockenwolle erhält”.

Können hätte ich können, würde ich über eine geeignete Werkstattausstattung verfügen. Was ich allerdings habe, ist eine technische Ausbildung mit der staatlichen Erlaubnis, an Profimaschinen zu arbeiten, das dürfen nur Menschen mit einer erfolgreich abgelegten Eignungsprüfung.

Unsere Nachbarschaft verfügt über eine Fülle von Heimwerker*innen, kein Tag vergeht, an dem nicht das Geräusch einer Flex, einer Säge, eine Bohrmaschine oder eines anderen Geräts den Gehörgang penetriert. Ich wählte also einen geeigneten Nachbarn aus, nachdem ich mich über die Werkstatt-Bestückung kundig gemacht habe. Zur Vorbesprechung nahm ich meine Handskizze und meine Maßskizze mit, mit dem Zirkel präzise erstellt.

 

 

Die linke Skizze sollte dem Heimwerker zeigen, was ich überhaupt wollte. Ein Paar Stricknadeln in einen Styroporblock gesteckt zusammen mit einem Häkelquadrat demonstrierten die Funktion des Brettes. Ich bedeutete dem Heimwerker, dass ich die Löcher auf das zugesägte Brett übertragen und ankörnen würde. Hab’ ich ja so gelernt.
Das Brett besteht aus zwei verleimten Schichtplatten, um eine ordentliche Tiefe für die Stricknadeln zu bekommen, damit sie nicht durch die dünneren Spitzen wackeln würden.

Der Heimwerker winkte ab: da brauche man nichts einzuzeichnen und vorzukörnen, er würde die Maßzeichnung aufs Brett kleben. Meine Erfahrung reicht soweit aus zu beurteilen: das kann nicht optimal werden. Ich wollte Ihro Herrlichkeit aber auch nicht ausbremsen. Sollte er selbst seine Erfahrung machen. Ich kaufte noch zwei Holzbohrer in 2,5mm Stärke, legte eine dünne Spanplatte für den Boden dazu und lieferte beim Heimwerker ab. Er beschaffte eine Multiplex-Platte und legte los. Tage später drückte dem Angetrauten das Teil in die Hand.

OK: Platten verkleben kann der Nachbar. Das war’s dann aber. Für das Bohren der Löcher klebte er nicht die maßhaltige Werkszeichnung auf, sondern meine Handskizze. Entsprechend unpräzise sind die Löcher, besonders die Mitte ist gar keine, die liegt 1/3 cm daneben. Ausreden gab es einige: Bohrer abgerutscht, Bohrständer arbeitet nicht präzise, der Bohrer war zu kurz und weitere Begründungen um zu kaschieren, dass er die falsche Zeichnung zugrunde gelegt hatte. Da habe er wohl Mist gebaut, räumte er schließlich ein. Ja, hat er.

Man sieht mit bloßem Auge, dass die Löcher nicht stimmen.
Die Löcher müssen alle auf den zugehörigen Kreislinien liegen, die zur Veranschaulichung ebenso, wie die Figuren und die Achsen eingezeichnet wurden.

 

Keine Ahnung, wie man an einer Ständerbohrmaschine Löcher so schräg bohren kann, dass die Nadeln schief stehen. Gut, dass ich diese Quadrätchen nicht unbedingt spannen muss.

 

Ich hatte sogar noch etwas weiter gedacht: Falls sich durch mehrere Patche übereinander die Nadeln nach innen ziehen sollten, würde ein Brett mit der gleichen Lochanordnung die Nadeln gerade halten.
Hier sieht man dann, woher der Ausdruck “etwas geht schief” herkommt.

 

Ich war entprechend sauer, wie immer, wenn ich präzise vorarbeite, klare Anweisungen gebe und dann Fehler passieren, die auf Schlampigkeit und Überheblichkeit basieren. Ja, ich bin dann auch auf mich selbst sauer und frage mich: wie hätte ich das noch deutlicher sagen können?

Lehrgeld: ca. 10 € für Holz und zwei Holzbohrer.

Erkenntnis:

  • Holzbohrer (gibt’s nur im Internet) länger als das Normmaß 57 mm => für den zweiten Versuch beschaffen
  • Nur eine einzige Zeichnung aushändigen
  • Holz im Baumarkt zusägen lassen und die Löcher vorkörnen.
  • Weitere Achsen einzeichnen
  • Die Figuren auf der Fläche einzeichnen, damit man erkennt, welche Achsen zu welcher Figur gehören, die Kreise können entfallen, sie dienen nur der Präzision der Bohrpunkte

Dieses Achteck mit ungleichen Seiten lässt sich auf diesem Brett nur mit zusätzlichen Achsen spannen

Für das Spannen von diesem Achteck taugt das Brett durchaus.

4 Gedanken zu „Spannbrett in der Maschenwelt

  1. Klara sagt:

    Hallo zusammen,
    ich weiss, wie es geht: mit viel Alkohol im Blut gelingt jedes schiefe Loch!

    Nein, Scherz bei Seite. Ich hab einen Dachdecker-Papa. Das konnte er ganz ordentlich und war ein sehr geschätzter Handwerker da oben. Aber das er daraus ableitete, dass er Grad ALLES im und ums Haus konnte, das hat mich immer auf die Palme gebracht. Das Resultat: nicht eine Tür kann abgeschlossen werden, ausser man zieht/hebt/drückt oder was auch immer an ihr. Jede hat ihre eigene Macke, aber in Wirklichkeit ist es einfach nur Pfusch im Einbau!

    Antworten
    • Michaela sagt:

      Ja, die Präzision ist nur von Nutzen, wenn sich alle dran halten. Ich kann mir gut vorstellen, wie dein Papa dartunter gelitten hat, wenn die gute Planung nicht beachtet wurde.

      Antworten
  2. Ute sagt:

    Da kann man mal sehen; Selbst Dünnbrettbohren ist gar nicht so einfach ;)! Ansonsten könnte das schon praktisch sein, wenn man viel mit solchen Kleinteilen arbeitet. Obwohl ich ansonsten auch keine Freundin von Schnickschnackzubehör bin.
    Liebe Grüße
    Ute

    Antworten
    • Michaela sagt:

      Liebe Ute,

      niemals hätte ich gedacht, dass ich zum Häkeln noch weiteres Zubehör benötige als die Nadel. Immerhin dient der Prototyp für die Diskussion von Verbesserungen, auch mit mir selbst.
      Ich bin gespannt auf den zweiten Versuch.

      Viele Grüße

      Michaela

      Antworten

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