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Irg’nd so’n Pflanzen-Shit halt

Unfreiwillig hörte ich in einem Café mit Blick auf eine große Frühlingsblumenrabatte und blendend gelbe Forsythiensträucher ein Gespräch zwischen zwei ca. 25-Jährigen mit, Frau und Mann.

Person 1:
Also, ich hab’ ja ‘ne Depression und frag’ mich jeden Tag, ob ich so weitermachen soll.
Eigentlich ist die auch nicht krankhaft und ich sehe sie auch nicht als Schicksal, aber ich hab’ halt viel Scheiße erlebt und muss einfach mal lernen, Hilfe anzunehmen.

Person 2:
Ich will demnächst nach Portugal und kauf’ mir vorher noch ‘ne neue Gitarre. Und dann ans Meer und surfen. Und die Leute dort sind so viel besser drauf. Hier in Deutschland ist ja alles grau, nur grau, und vor allem Berlin: so grau. Aber in Portugal lebe ich richtig auf.

Person 1:
Und das Essen in Portugal: so geil, einfach nur geil!

Person 2:
Also, wenn ich allein zuhause bin und so allein mir meine Gedanken mache, dann mach’ ich so ‘ne Introspektion. Das kostet mich so wahnsinnig viel Energie, also mehr, wie wenn ich Sport mache.

Person 1:
Ich mach’ jetzt wieder ‘n bisschen Yoga, um mich abzulenken.

Person 2:
Ja, und letztens war ich nicht bei der Arbeit, ging mir seelisch nicht so gut. Das wird aber nicht anerkannt.
Demnächst kommt dann meine Schwester, die studiert Agrarwissenschaft.

Person 1:
Agrar…? Was is’n das?

Person 2:
… das ist … hm … äh … ja, das ist irg’nd so’n Pflanzenshit halt.

Da bin ich seit langer Zeit einmal wieder einmal auswärts zum Kaffeetrinken und bekomme unmittelbar so eine Steilvorlage.

Gleich erinnerte ich mich an Jörg Schiebs Blogbeitrag “Wer hört alles mit?” Es geht um Alexa, mit der sich viele Menschen aus Bequemlichkeitsgründen verwanzen.

Menschen, die noch daran glauben, die Hauptaufgabe von Alexa sei, einem das Dasein komfortabler zu machen, sind nur zu bedauern. Der Amazon-Dot-Lautsprecher ermöglicht, das Aufgenommene auf Amazon-Servern zu speichern. Eine Garantie, dass die Audio-Dateien niemals an Dritte gelangen, ist eine Illusion.

Schieb berichtet, dass Gespräche auch ganz bewusst abgehört werden, von Amazon-Mitarbeitern, und zwar 1000 Gespräche pro Tag und Mitarbeiter. Lesen Sie bitte alles weitere im Schieb-Blogbeitrag selbst, werte Leserschaft.

Und wie sagt der frühere Innenminister Baum so schön und wahr? Die Menschen stellen sich einem permanenten Lauschangriff zur Verfügung. Sie tauschen ihre Menschenwürde gegen Bequemlichkeit.

Dagegen ist das mir aufgenötigte Gespräch wirklich unbedeutend. Meine Sympathie für die beiden jungen Leute ist vorhanden. In der einen Stunde, die ich vor Ort auf einen Termin wartend verbrachte, wurde das Smartphone nicht ein einziges Mal gezückt. Nicht selbstverständlich heutzutage.

 

Stricktechnisch herrscht derzeit Flaute.
Aber: Angela ließ mir ein Päckchen mit flauschigem Inhalt zukommen. Ein Grund, den Grobstricker wieder einmal an den Start zu bringen, obwohl das Geburtstagsgeschenk für meine Nichte als zuvörderst obliegende Strickpflicht in der Warteschleife hängt.

 

2 Gedanken zu „Irg’nd so’n Pflanzen-Shit halt

  1. Klara sagt:

    Wirklich unglaublich.
    1983 haben sich Menschen in diesem Land erfolgreich gegen die umfassende Datenabfrage bei der angesetzten Volkszählung durchgesetzt. Das Bundesverfassungsgericht stoppte die Volkszählung. Ein sehr kluger Schüler schrieb vergangene Woche in meiner Probeklausur u. a.: “…wer sich wirklich schützen will, verwendet Bleistift und Papier!” Er meinte damit natürlich, dass reale Begegnungen und Austausch im Privatbereich und der schriftliche Austausch über einen Brief per Grundgesetz geschützt sind. Dann kamen die ersten Berichte und Artikel zum jüngsten Alexa Missbrauch.
    Es ist erschreckend wie sorglos und schnell der Wandel vor sich geht. Manche scheinen noch nicht mal zu wissen, dass das in Deutschland verboten ist.
    Aber auch generell: ich will Privatsphäre, nicht weil es etwas zu verstecken gibt, sondern weil alles was diese doofen Konzerne wissen wollen Fragmente meiner Identität sind. Ich will keines meiner “Puzzleteilchen” missen. Sie gehören zu miz, und damit mir.

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    • Michaela sagt:

      Ich erinnere mich nur zu gut an den Protest gegen die Datenerfassung und den Microzensus.

      Ich könnte mir Monogramme in den Hintern beißen, wenn mir manche Naivlinge sagen, ihnen mache es nichts aus, wenn ihre Daten abgegrast und verwendet werden, sie hätten schließlich nichts zu verbergen.

      Genau. Ich habe auch nichts zu verbergen und eben deswegen will ich nicht behandelt werden wie ein Verbrecher.

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