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Erst Wrack, dann auf Zack

Kürzlich wurde mir aus der Nachbarschaft ein Grobstricker vorgestellt. Nein, nicht die Person, die durch unsachgemäße Behandlung Strickmaschinen schrottet, aber so jemand hatte das Gerät vermutlich in der Mache.

Die als Brother KH 260 offerierte Maschine ist ein Lochkartengerät und bestand lediglich aus der Grundkonstruktion und dem Mast. Das Arbeitswerkzeug fehlte völlig, das arme Wurm hatte seiner Lebtag bisher keinen Tropfen Öl gesehen. Das Nadelbett hatte tiefe Riefen und das ganze Konstrukt klebte vor Dreck und stank erbärmlich nach Rauch. Seltsamerweise waren der Nylonfaden und die Kartenklipse noch da, Zubehörteile, die üblicherweise als erstes verschwinden. Das Ölfläschchen war noch randvoll. Immerhin gab es eine reichhaltige Lochkartensammlung, Gewichte und die Anleitung, anhand derer ich die fehlenden Teile zusammenstellen konnte. Hätte die Maschine singen können, wäre bestimmt dieses Lied angestimmt worden.

Zunächst unterzog ich den Apparat einer Reinigung nach meiner eigenen Anleitung. Die Vorbesitzerin beteuerte, sie habe vor wenigen Jahren noch damit gestrickt. Wie sie das bewerkstelligt hatte, entzieht sich meiner Kenntnis – so ohne Deckernadeln und Arbeitshaken.
Ich musste über 20 Nadeln wegwerfen. Teilweise waren sie so verbogen, dass ich sie kaum durch die Kanäle bekam. Die Nadelsperrschiene – bei älteren Maschinen die wahrscheinlichste Ursache für Fehlfunktionen – war unterplatt, d.h. der Polsterkunststoff war schon fast molekularisiert. Aus dem Deckel schien eine Mahlzeit eingenommen worden zu sein und die getrockneten Flecken eines halben Kaffeebechers prangten überall.

Nach etlichen Stunden Reinigung und Pflege, sowie dem Austausch von Sperrschiene und fast einem Fünftel der Nadeln stand ich davor und machte  – nichts. Ich hatte eine Hemmung, Garn in den Schlitten zu fädeln und zu testen, ob die Maschine tatsächlich funktioniert. Die Trockenübung mit dem frisch geölten Schlitten zeigte keinerlei Probleme. Mein Mann sprach dann nach einer Woche den erlösenden Satz: “Wenn der Schlitten kaputt ist, beschaffst du einfach Ersatz.” Ja, da hätte ich auch selbst drauf kommen können.

Dann kam das nächste Problem: ich habe gar kein so dickes Garn für einen Grobstricker. Da ich in diesem Jahr bereits über 30kg Garne für Karitatives Stricken bekam, zu 95% Konengarne in teilweise allerdünnster Ausprägung (ob alles taugt, wird sich noch weisen) kam ich auf die nach meiner Auffassung geniale Idee, so viele Fäden zusammen zu nehmen, dass die Stärke für den Grobstricker ausreicht. Es stellte sich heraus: Mit Minimum 12-14 Konen kommt man gerade auf die unterste Einstellung der Maschenweite. Ich spulte also ein Knäuel zusammen, denn so viele Konen haben auf meinem Stricktisch, der an der Wand steht, gar nicht Platz.
Erinnerst sich noch jemand an die “Crazy Yarns”, die vor ca. 10 Jahren massenhaft auf der Ersteigerungsbucht auftauchten? Mit abenteuerlichen Namen versehen kamen Mischungen auf den Markt, die der Schlaufenbildung Vorschub leisteten und das Stricken zum Abgewöhnen machten. Ich habe eine solche Mixtur auch einmal auf der Maschine erprobt und erweiterte das Repertoire meiner Flüche. Mittlerweile bekommt man jedoch auch professionell gespulte Garne, die das Manko der Verschlaufung nicht mehr zeigen.
Um zum Probelauf der KH 260 zurück zu kommen: mein Knäuel war nicht ideal, reichte aber aus, um die Maschine zu testen, und sie funktionierte. Alle Lochkartenfunktionen habe ich noch nicht ausprobiert, aber immerhin erträumte ich mir einen schnelleren Abbau und eine zügigere Verwertung der Garne für schöne Decken. So einfach ist es jedoch nicht. Abgesehen von der Schwierigkeit, über ein Dutzend Konen auf dem Tisch zu plazieren, kommt von den außen stehenden Spulen ein solcher Zug auf den Faden, dass ein ungleichmäßiges Strickbild entsteht und es an den Fäden immerzu ruckelt. Also: vorab passende Einzelfäden zusammen zum Knäuel wickeln.

Hinzukommend, dass es  mir einfach keinen Spaß macht, vor Beginn eines Projekts stundenlang passende Garne zu wickeln, ist die Farbauswahl trotz der enormen Menge der geschenkten Garne nicht allzu groß, so kommt es zu einem starken Überhang von Geriatriefarben. OK: dann muss ich mir eben passende Designs ausdenken.

Auch bei den unterschiedlichen Bemusterungen gibt es Einschränkungen: Lochmuster? Ja, wer will denn Finger oder Zehen in den Löchern verfangen? Norweger? Das testete ich mit Mustern mit maximal zwei Nadeln Abstand aus. Grenzwertig. Die Spannfädenlänge kann man gerade noch durchgehen lassen. Durch die vielen zusammengenommenen Fäden kann man ohnehin schnell hängen bleiben. 

Hier ein paar Ergebnisse der ersten Grobi-Versuche. Im nächsten Durchgang werde ich Fang-, Vorlege-und Webmuster ausprobieren.

Drei Paneele mit einer Zopfverbindung aneinander gefügt. Die Streifen habe ich bereits mit einem Doppelrand begonnen und abgeschlossen, die Seitenränder gegen Rollen mit einem halben Zopf versäubert. Erster Versuch mit Lochkarten an der KH 260. Abverbrauch diverser Konengarne, meist in Naturfaser-Qualität.

Detailaufnahme der Zopfverbindung zweier Paneele – Anleitung von Diana Sullivan

Hier eine runde Decke nach Diana Sullivans Anleitung “Swirl Blanket”. Leider hatte ich nach dem kurzen Dämpfen des Randes keine Gelegenheit mehr, ein weiteres Bild zu machen, gleich früh am nächsten Morgen ging die Decke zur AMPO-Station. Der Deckenrand ist von Carole Wurst, einer der besten maschinengestrickten Umrandungen, die das Rollen von Glattgestricktem verhindert. Auch hier wieder Verarbeitung diverser Konengarne.

 

Dann noch eine Decke nach Eileen Montgomery. Dieses Muster werde ich noch anderweitig einsetzen. Der Garn-Mischung aus Konengarnen habe ich noch zwei Fäden türkisfarbene Angora (Angobella aus der HWF) beigefügt, aus einer Garnspende. Bei einer Handstrickprobe musste ich wegen der feinen Härchen so niesen, dass ich das Garn für eine Jacke für mich verworfen habe.

 

 

Hier der oben erwähnte Rand von Carole Wurst.

 

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2 Gedanken zu „Erst Wrack, dann auf Zack

  1. Michaela sagt:

    Liebe Hummelbrummel,

    ich freue mich immer, wenn du auf meinem Blog einen Kommentar hinterlässt und warte auch schon darauf, dass du deinen wieder aktivieren kannst.
    Zwei Bulky-Garne habe ich schon bekommen, die möchte ich jedoch zum Einweben auf der Standardmaschine nutzen, um dünnes Deckengewebe ein wenig mit Fleisch zu versehen.

    Es ist einfach so, dass viele im Überschwang Konengarne gekauft haben und dann feststellen: das ist doch nichts für mich. Man glaubt gar nicht, was hier einwandert: von hochwertigsten Wollgarnen über faszinierende hauchzarte Effektgarne bis hin zu Billigacryl, das sogar auf der Maschine quietscht. Aber ich verwerte fast alles, die Acrylfäden werden zur Stabilisierung untergemischt.

    Mein neuestes Deckenmodell ist aus sechs Modulen und einem von mir 2004 erfundenen Rand, um das Rollen zu verhindern.
    Viele Grüße

    Michaela

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  2. Hummelbrummel sagt:

    Hallo Michaela,
    wie immer habe ich Deinen Blog gerne gelesen.
    Du schreibst so schön und kurzweilig.

    Vielleicht flattern Dir ja demnächst solche Bulky-Garne in den Stash, die neulich noch “in” waren, dann hast Du für die gleich die richtige Maschine da stehen. : )
    Deine ersten Werke sind jedenfalls schon mal sehr sehenswert. Die quadratische und die runde Decke gefallen mir besonders gut.
    LG Hummelbrummel

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