Springe zum Inhalt

Erster Ausflug ins Tunesische

Als ich vor über 30 Jahren einmal in Tunesien war, sah ich niemanden tunesisch häkeln. Und daher hatte ich bisher weder Motivation noch Anlass, diese Technik zu praktizieren, denn aus meiner Jugend hatte ich tunesische Häkelei nur in Form seltsam gemusterter Sofakissen in merkwürdigen Farbzusammenstellungen in Erinnerung.

Allerdings habe ich mir zu Beginn des Jahres vorgenommen, auch eine neue Technik zu lernen und ein Textilwerk daraus anzufertigen. Die großen Mengen Spendenwolle winseln geradezu danach, auch zu großflächigen Projekten verarbeitet zu werden, und so wählte ich zwei kontrastierende Garngruppen, rot und grün.

Für mein Vorhaben gab es auch Vorgaben

  • Selbstredend angefertigt aus Spendengarnen
  • Größeres caritatives Projekt (dankenswerterweise gibt es viele, die Kleinteile anfertigen)
  • Technik muss mit einer normalen Häkelnadel angefertigt werden können, keine Nadeln mit anknüpfbarem Seil
  • verschiedene Musterungen testen

Es sollten vier verschiedene Paneele erstellt werden, an denen diverse Muster erprobt wurden. Naturgemäß sieht so ein Sampler nicht unbedingt wie ein harmonisches Ganzes aus, eine Zierde für Blog und Projektalbum, sondern wie ein Sammelsurium, ein zusammengewürfeltes Flächengebilde. Irgendwann ging das Grün auch aus, und es wurde mit Hellblau weiter gemacht.

Das tunesisch gehäkelte Gewebe aus acht Konenfäden gemischt ist für eine Decke phantastisch geeignet: schmiegsamer als aus festen Maschen gehäkelt und schön dicht. Beim tunesisch häkeln nimmt man die Häkelnadel 1-2 Stärken dicker als für das übliche Häkeln angegeben. Es sei denn, man möchte etwas anfertigen, das freihändig stehen kann.

Das erste Paneel habe ich nach dem Prinzip der “Ten Stitch”-Decke gemacht, tunesisch gehäkelt. Ursprung dieses Musters war eine Decke in-kraus-rechts, die dann auch gehäkelt interpretiert wurde und sogar als Strickapparate-Variante. Auf Youtube gbibt es zu allen Methoden Videos.
Die tunesische Ausführung wurde nach diesem Tutorial gefertigt, wobei ich jedoch eine Art Labyrinth gewählt habe. Das war eine gute Übung, erst einmal in die Technik zu kommen, wobei meine ersten Ecken nicht gut gelungen waren. Es ist das Paneel oben rechts

Dann wurde das Schachbrettmuster links daneben gehäkelt, das bekam sofort jede Sympathie von mir. Man beginnt in einer Ecke und häkelt abwechseln in den Farben immer einen schrägen Streifen mit einem Kästchen mehr, bis man die gewünschte Breite hat. Wenn erforderlich, behält man die Breite bei bis zur gewünschten Höhe und reduziert denn wieder pro Schrägstreifen um ein Kästchen.

Bei dieser Technik lernte ich erstmals Veronika Hug kennen, also virtuell. Ihren Kanal auf Youtube kann ich nur empfehlen. Klare, deutliche Anweisungen, kein Geschwafel, Beschränkung aufs Wesentliche. Das Schachbrettmuster habe ich nach diesem Video gehäkelt. Während des Häkelns habe ich nebenher andere Vidos von ihr angesehen und dabei eine Menge gelernt.

Das Panel unten links ist aus zwei Teilen, die mit einem Mittelstreifen verbunden wurden, damit ich auf die nötige Breite komme. Die Zickzackmuster wurden noch separat aneinander gehäkelt, wobei ich bei der zweiten Hälfte meine eigene Technik verwendet habe, die gleichmäßger aussieht.

 

In diesem Beitrag wurde bereits gezeigt, dass tunesische Häkelei höllisch rollt, wenn man den einfachen tunesischen Stich verwendet. Es passiert das gleiche, wie beim glatt-rechts Stricken, die Maschen drängeln sich gegenseitig weg und weichen aus.

Kerstin hat das in ihrer Darstellung wunderbar beschrieben, dieser Bericht sollte jedem anempfohlen werden, der meint, Schals in glatt-rechts stricken zu wollen. Das gibt nur Wurst, und zwar nicht Conchita.

Um das Rollen einzudämmen und auch die Paneele voneinander abzutrennen, wurde um jedes Teil ein Rand aus Reliefstäbchen gehäkelt. Mit dem Garn zu arbeiten war eine echte Herausforderung: es stank unglaublich. Ich hatte es in der Bucht ersteigert, weil es als Mischung aus 50% Schurwolle und 50% Kunstfaser ausgezeichnet war.
Irgendwie war mir der Aufwand zu hoch, den Schund wieder zurück zu schicken, das Kilo hatte 7 € gekostet und ich wollte es für Charity-Projekte auf der Maschine versrbeiten. Dazu war es aber viel zu dick.

Zum Glück ging der Gestank beim Waschen raus, ich bin aber nicht überzeugt, dass da auch nur eine Faser je ein Schaf gesehen hat. Den Rest werfe ich weg.

Am Panel unten rechts sieht man, wie ich einige Muster ausprobiert habe. Von denen haben einige mehr, andere weniger Spaß gemacht. Die Paneele wurden mit einem kleinen Zickzakmuster zusammengefügt und ein Rand drumherum gearbeitet, damit wirklich jedes Rollen an den Kanten ausgeschlossen ist.

 

Die Decke hat die Größe 125cm x 180xm und verbrauchte 1506 g Garn.

Mehr Bilder kann man hier bei Ravelry betrachten.

Bei der Beschäftigung mit tunesischer Häkelei sind mir zwangsläufig viele Muster begegnet, die ich gerne nachgearbeitet hätte. Darunter gab es auch einige Anleitungen, bei denen das einfache tunesische Basis-Muster als Untergrund für aufwändie Stickerei dient.

In diesem Video kann man sich einen Eindruck verschaffen.

 

 

OK: diese Decke ist nun nicht gerade eine Zierde fürs Wohnzimmer, aber die Empfänger in Burkina Faso haben bestimmt nichts dagegen, sich mit dieser Decke zu wärmen, andernfalls haben sie nämlich nichts.

Man könnte meinen, die Paneele seien unterschiedlich groß, tatsächlich ist das nur ein Fotografierfehler, ich habe mal wieder den Parallaxenausgleich vergessen.

Mir hat das Lust auf eine weitere Decke, diesmal in Kreisform gemacht, die ich beim nächsten Mal zeigen werde.

2 Gedanken zu „Erster Ausflug ins Tunesische

  1. Michaela sagt:

    Hallo, Klara,

    danke für deine Komplimente!
    Es stimmt schon: so richtig Spaß kommt beim Verarbeiten spröder Garne nicht auf. Es ist jedoch auch immer eine Möglichkeit für Experimente; was kann man aus einem Garn noch optimalerweise rausholen, was kann man noch draus machen?

    Um jeden Preis verarbeite ich aber auch nicht alles, letztens habe ich eine Schachtel mit Massen von Polytierchen bekommen, das Garn war vor vierzig Jahren zu DDR-Zeiten sicher ein wertvoller Schatz, bei dem man froh war, ihn ergattert zu haben. Nun hatte die begünstigte Dame aber in der gesamten Zeit selbst nichts daraus gemacht und wollte es jetzt verwertet wissen.

    Ich brachte die Garne in unser Flüchtlingsheim, dort hat man mit den Kindern damit gehäkelt und Pompoms gebastelt. Wahsrscheinlich nicht die hochwertigste Verertung, aber auch kein Fall für die Verbrennungsanlage.

    Guten Start in den Frühling!
    Michaela

    Antworten
  2. Klara sagt:

    Zusammengefügt sieht sie super aus. Ich mag die grafischen Muster. Ich bewundere Deine stoische Art, sogar Garne die Du nicht magst zu verarbeiten. Ich stricke ausschliesslich mit Garnen, deren Haptik mich nicht wahnsinnig macht. Das müssen bitte keine Luxusfasern sein, ganz im Gegenteil! Aber jeder Hauch von Plastik oder trockener Baumwolle ist schlimm. Ich kann gerade so die Sockenwolle ertragen. Regia und Opal gehen am besten in dieser Kategorie.

    Wie auch immer, zeig nur weiter Deine riesigen Deckenprojekte. Ich geniesse die Beschreibungen des Entstehungsweges.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.