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Da biste platt – vom Plattieren

Plattieren ist eine Technik, die man mit Handstricken nicht gut durchführen kann. Dabei werden zwei Fäden benutzt, der Hauptfaden und der Plattierfaden. Der Plattierfaden vermischt sich nicht mit dem Hauptfaden, sondern liegt obenauf. Der Hauptfaden verankert den Plattierfaden, daher sieht man ihn auf der Vorderseite ein wenig durchblitzen, wenn er auf der Rückseite ist. Damit kann man Schmuckeffekte erzielen, aber auch ganz praktische Auswirkungen anstreben. Angenommen, man möchte ein eher kratziges Garn nicht direkt auf der Haut tragen, kann man mit einem weichen Plattierfaden das Gestrick „abfüttern“.
Babydecken könnte man mit Chenille-Garn auf einer Seite plüschig wirken lassen.

Wie geht Plattieren? Bei meinem Handstrickapparat, einem Brother-Fabrikat ging das erst einmal nicht. Das Modell aus der Mitte der 70-er verfügt nicht über einen Abstreifer, in den man ein sogenanntes Plattiernüsschen einschrauben kann. Die Nachfolgemodelle haben das. Ich beschaffte über einen in der Strickapparatewelt bekannten chinesischen eBay-Verkäufer einen Original-Abstreifer und gleich noch einiges andere Zubehör. Die Artikel nebst einem sehr brauchbaren Geschenk waren – portofrei und ohne Zollformalitäten – innerhalb von vier Tagen da.

Exkurs: ich hatte mehrere deutsche Anbieter per Mail oder über deren Shop-Seite angeschrieben, ob es vielleicht einen übrigen oder einen neuen Abstreifer gäbe, den man an den Schlitten meiner KH 830 montieren könne. Keiner, also wirklich niemand aus den angeschriebenen Firmen hat mir geantwortet, nicht einmal, ob es den angefragten Abstreifer hat oder nicht. Das teuerste Angebot eines bekannten-Strickmaschinen-Shops wollte ich nicht kaufen. Für weniger bekam ich den neuen Original-Abstreifer, 50 Ersatznadeln, Lochkarten-Klipse und mehrere Transfer-Nadeln.

Plattiernüsschen: da kann man sich viel vorstellen, der Name ist witzig. Man wechselt am Abstreifer das Fadennüsschen gegen das Plattiernüsschen oder umgekehrt. Bei meinem Heimstrickermodell gibt es keine Beschreibung dafür, bei den späteren Typen ist sie ebenso dabei, wie das Plattiernüsschen. Ich werde mir einmal auf dieser Seite, oder auch auf dieser Seite, teilweise in verschiedenen Sprachen, wo man viele Manuals kostenlos downloaden kann, die Beschreibung anschauen.

Der hintere Schlitz, der wie ein Bogen aussieht, nimmt den Plattierfaden auf, der in meinem Fall die rote „Schicht“ auf der Rückseite des Schals ist und linksgestrickt erscheint. Der grüne Faden ist das Hauptgarn, das auf der Vorderseite Grün erscheint.
Hier sieht man die Vorderseite „grün“ und die Rückseite „rot“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das herkömmliche Fadennüsschen nimmt zwei Fäden auf, Haupt- und Nebenfarbe, für das Stricken von Norwegermustern, Fangpatentmustern, Vorlegemustern.

Das Plattiernüsschen nimmt die Hauptfarbe und die Plattierfarbe auf. Dazu muss man sich entscheiden, auf welcher der Seiten des Strickstücks die Plattierfarbe erscheinen soll. Zu den Überlegungen gehört der Umstand, dass beim Stricken auf meinem Handstrickapparat die linken Maschen stets zu mir zeigen, die rechten Maschen von mir abgewandt. Will ich die Linksmaschen als Sichtseite nutzen oder die rechten Maschen plattieren? Will ich die Seite mit den Linksmaschen abfüttern oder Effekte auf der Rechtsmaschenseite erzielen? Danach richtet sich, wie ich den Plattierfaden ins Nüsschen einfädle. Wie man erkennen kann, ist beim Abstreifer des Hauptbettes ein Schlitz hinten gelagert, der andere, kleinere, weiter vorn. Der vordere mir näher liegende Schlitz plattiert die Rechtsmaschen, der hintere die Linksmaschen. Will man also die gewöhnlich als Innenseite genutzte Linksmaschenseite plattieren, fädelt man den Plattierfaden in den hinteren Schlitz. Dabei muss beachtet werden, dass sich die beiden Fäden nicht überkreuzen, sonst passiert, was ich leider erleben musste (was sich aber auch einprägsam auf die zukünftige Vorgehensweise auswirkte): durch die Überkreuzung zog der Plattierfaden den Strickfaden aus der richtigen Position und ein großer Teil der Maschen rutschte von den Nadeln.
Das wäre nicht so schlimm – üblicherweise – aber in diesem Fall ist es nicht damit getan, die Maschen wieder aufzusammeln. Man bekommt es nicht hin, die Maschen genauso zu arrangieren, dass der Plattierfaden richtig liegt. Gut: es wäre möglich, mehrere Reihen zurück zu stricken, wenn man die in meinem Fall ca. 40 Maschen wieder eingesammelt hätte, die Fäden zu teilen und die Prozedur zu wiederholen. Eine längere Aktion, auf die ich nicht erpicht war, weil ich fast 200 Nadeln belegt hatte.
Mittels einer aufgebogenen Büroklammer habe ich mir eine Hilfskonstruktion gebastelt, die das Hauptgarn etwas zurück hält und den Plattierfaden vom Hauptfaden getrennt hält. Je nach Garn tendiert einer der Fäden gern dazu, in den Schlitz des anderen zu hüpfen. Diese Hilfskonstruktion kann man oben links sehen.
Was auch mühsam ist: Strickfaden und Plattierfaden beim Aufribbeln zu trennen, dazu müsste man getrennt wickeln; das macht ganz viel Spaß bei den dünnen Fäden 🙄
Ich habe beides zusammen aufgetrennt und gewickelt, daraus wird es einen simplen Patentmusterschal geben.

À propos Patentmusterschal. auch beim Patentmuster kann plattiert werden, mit dem Doppelbettplattiernüsschen. Man sieht: es ist anders aufgebaut, aber das Prinzip der vorne-hinten-Anordnung der Fäden ist genauso gegeben, der Plattierfaden vorn eingelegt plattiert die Rechtsmaschen. Das ergibt folgenden Effekt: auf beiden Seiten sind beim Rippenstrick die obenauf erscheinenden Rechtsmaschen plattiert, die Linksmaschen ergeben eine Schattenanmutung. Diesen Effekt kann man natürlich durch Tauschen der Schlitze umkehren: die Rechtsmaschen erscheinen „originalfarbig“ die Linksmaschen sind plattiert.
Die Anleitung dafür steht im Handbuch für die Doppelbettergänzung. Ein schönes, dezentes Beispiel für das Plattieren von Patentmaschen findet sich auf Kerstins Strickmodenseite. Hier habe ich auch das Bild vom Doppelbett-Plattiernüsschen entnommen.Einfädeln für Plattiermuster

Hier beim Patentmuster ist erkennbar, dass beidseitig der Plattiereffekt auf den Rechtsmaschen erscheint. Bitte nicht verwechseln: es handelt sich nicht um zweifarbiges Patentmuster. Wir erinnern uns: beim zweifarbigen Patentmuster erscheint die Farbgebung auf der anderen Seite invers. Wenn auf der Vorderseite die rechten Maschen rot sind und die linken Maschen grün, ist das auf der Rückseite umgekehrt: die linken Maschen sind rot, die rechten grün.
Beim Plattieren mit rot sind auf beiden Seiten die obenauf liegenden Rechtsmaschen rot.

Roter Plattierfaden beidseitig auf der Rechtsmasche
Hier zweifarbiges Patent, auf der Rückseite erscheint die jeweilige andere Farbe im Vordergrund als Rechtsmasche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es wird in der Anleitung zum Plattieren darauf hingewiesen, die Fäden nicht zu verkreuzen, wie bereits weiter oben erwähnt. Das ist leichter gesagt als verhindert. Es gibt Garne, die winseln geradezu danach, durch die Reibung eine Verbindung einzugehen und sich zu verheddern. Bei allzu dynamischer Schlittenbewegung hopst der eine Faden auch gerne mal in den Schlitz des anderen. Das habe ich durch eine kleine Hilfskonstruktion verhindert. Der Einsatz einer aufgebogenen Büroklammer bewirkt Wunder.
Ach, und noch etwas: ich habe das Plattieren am Anfang verflucht. War es das Garn, das immer wieder herausrutschte, weil es die falsche Zusammensetzung hatte (Hochbausch ungeeignet?) War es das mehrfädige Plattiergarn? Warum wurden Maschen teilweise nicht plattiert?
Nein! es war der Mangel an Abzug, d.h. an Gewicht, der die Fadenverankerung erschwerte. Also: auch auf dem Hauptbett ordentlich Gewicht dran, die kleinen Kläppchengewichte reichen bei höherer Garndicke, wie z.B. Sockenwolle, nicht aus. Auch die Maschenweite muss so hoch sein, dass sie an die Garnstärke von Grundfaden plus Plattierfaden angepasst ist.

Hier sieht man die Ergebnisse aus der Versuchsküche.

Dreifädiges Dunkelblau plattiert mit zweifädigem Mittelblau, Garnstärke pro faden NM 28/2
Drei Fäden Grundgarn in jeweils NM 28/2, zwei Fäden helles Plattiergarn, BW/Acryl in NM 20/2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ich auch prüfen wollte: verstärkt oder verhindert das Plattieren im glatt-rechts-Muster den Rolleffekt? Was meint ihr? Lest euch doch Kerstins Artikel zum Thema Rollwurst bei glatt-rechts Gestricktem durch. Ihr habt wahrscheinlich richtig vermutet: es rollt sich höllisch. Die Energie zum Rollen hat sich sogar bei der Strickprobe mit Baumwoll- und Acrylgarn verstärkt, denn der Platz für die Maschen hat sich durch das verankerte Plattiergarn dazwischen noch verringert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier die Punkte zusammengefasst, die das Plattieren erleichtern, nach bisherigen Erkenntnissen

  • Grundgarn und Plattiergarn dürfen zusammen nicht dicker sein als die Garnstärke, die von der Maschine verarbeitet werden kann.
    Beispiel: zwei 4-fädige Sockengarne sind für den Stricker mit 4,5mm Nadelabstand definitiv zu dick.
  • Maschenweite so einstellen, dass sie der Stärke von Grund- und Plattiergarn zusammen genommen gerecht wird
  • Mehrfädiges Plattiergarn geht, wird aber nicht bevorzugt verarbeitet (ausgelassene plattierte Maschen), also das Plattiergarn möglichst  einfädig wählen. Mehrfädiges Hauptgarn geht, die Garnqualitäten sollten jedoch keine Schlaufen bilden können.
  • Der einem zugewandte Schlitz des Plattiernüsschens lässt das Plattiergarn auf den Rechtsmaschen erscheinen (und umgekehrt), gleichermaßen beim Stricken mit Hauptbett oder Doppelbett
  • Haupt- und Plattiergarn dürfen sich nicht überkreuzen, hier genau die Anweisungen aus der Betriebsanleitung beachten
  • Um Verheddern von Haupt und Plattierfaden zu vermeiden, kann man sich eine Hilfskonstruktion basteln, die den zugewandten Faden etwas besser im Schlitz hält und den Faden im hinteren Schlitz vom anderen Faden trennt (siehe Bild oben). Die Hilfskonstruktion gut befestigen, damit sie nicht aufs Nadelbett fällt und vom Schlitten erfasst werden kann.
  • Für kräftigen Abzug (Gewichte!) sorgen, insbesondere wenn nur am Hauptbett gearbeitet wird

Ansonsten ist Plattieren recht einfach. Wirklich. Isch schwör.
Das hier dürfte der blanke Horror für die Handstrickgilde sein: der Korkenzieherschal, ein Klassiker, weil Turbostrickmodell für Maschinistinnen. 160 Maschen, 700 Reihen in glatt-rechts, hier mit rotem Plattierfaden rückseitig auf den Linksmaschen, scheint auf der Rechtsmaschenseite etwas durch. Stricken und vernähen innerhalb ein – zwei Stunden, wenn man sich nicht mit Perfektionismus aufhält. Sonst vier.

Das Einrollen der Kanten ist hier gewünscht, weil es den Korkenzieher-Effekt bewirkt. Dieser hat sich allerdings nach dem Waschen etwas zurück gebildet, dafür ist die plattierte Rückseite sehr attraktiv.
Nimmt man einen höheren Kunstfaseranteil, kann man nach dem Waschen die Korkenzieher fast tot bügeln.

 

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