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Stricktechnisch: Minimengen. Und: was wir von Horst Schulz lernen können

Letztens hing ein Kunststoffbeutel an der Wohnungstür. Ich fragte bei den Nachbarn herum, aber es wollte natürlich niemand gewesen sein. Nach einem kurzen Blick in die Tüte leerte ich sie auf dem Balkon aus. Altes Garn, uraltes Garn. Da bin ich immer vorsichtig, ob ich ein Mottenparadies vorfinde. Aber nein: alles prima. Das Garn hatte allerdings teilweise Banderolen um, die belegten, dass es vor 1993 hergestellt wurde; da war die Postleitzahlenreform, und wir durften unsere vierziffrigen Postleitzahlen auf fünf aufstocken.

Bei dem Garn handelte es sich um Teppichwolle, bzw. Garn für die Gobelinstickerei.

Ein Sack voller Gobelingarn
Der ausgeleerte Beutel
Bildquelle: http://www.handarbeitshaus.de/gobelin.html

Häufig verbinden wir mit dem Begriff „Gobelin“ innere Bilder von gestickten Motiven aus der klassischen Kunst – beispielsweise „Der arme Poet“ von Carl Spitzweg oder üppige Blumenmuster für Sofakissen oder Stuhlbezüge. Wenn man jedoch im Internet stöbert, findet man auch ganz moderne Stickvorlagen, beispielsweise diese Computertastatur. Das Thema „Gobelinstickerei“ kann einmal an anderer Stelle weiter geführt werden.

 

 

Die Gobelinwolle war leider nicht immer in vollständigen Strängen vorhanden, sondern teilweise schon aufgeschnitten, wie es bei der Stickerei gehandhabt wird: der Strang wird an einer Stelle durchschnitten, und man hat Fäden passender Länge parat.
Ich sortierte also die bereits zerschnittenen Fäden aus und häkelte aus den verbliebenen Garnen diesen Zickzack-Schal, indem ich für jede Reihe eine andere Farbe nahm und die beiden Enden als Fransen arbeitete.

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Man kann erkennen, dass die Garne unterschiedlich dick sind, von Teppichwolle bis ca. Sportwolle fünffädig.

Das Muster ist mit Bildern und einer Grafik sehr gut nachzuarbeiten. Das Muster nennt sich „Moss-Stitch“ und findet sich hier.  Ich empfehle folgendes:

  • Damit der Schal nicht brettig wird, die Häkelnadel mindestens zwei Nummern größer wählen als auf der Garnbanderole angegeben
  • Luftmaschen in fast doppelter Länge anschlagen, wie der Schal werden soll

Das Häkeln geht rasant, weil man immer wissen will, wie es nach der nächsten Reihe aussieht. Hier kann man wirklich auch Kleinstmengen verarbeiten.

 

 

 

 

 

Und was mache ich nun mit den aufgeschnittenen Restfäden? Vor Jahren sah ich ein Bild im Netz, auf dem eine Frau an einer Decke strickte, die nur aus abgeschnittenen Fäden vom Vernähen bei Strickprojekten bestand. Ich habe mir den Wolf gesucht, aber das Machwerk ist nicht mehr zu finden. Nein, dazu werden die Fäden definitiv nicht verwendet. Geduld liegt nicht in meinem Wesen.

Man könnte auch so eine stylische Schüssel anfertigen.

Bildquelle hier http://blueberryhillcrafting.com/2013/06/21/yarn-bowls/

 

Da bewundere ich doch eher, was Horst Schulz gemacht hat, und zwar als 12-Jähriger in einem Dänischen Lager. Ja, ich meine den Horst Schulz, den wir von seiner Technik her kennen, Strickpatche ohne aufwändige Vernäharbeiten zusammen zu fügen. Dazu später.

Auf einer Ausstellung in Berlin ca. 2008 wurde gezeigt, wie man kurz nach dem zweiten Weltkrieg lebte. Vor allem, wie man aufgrund von Materialmangel kreativ Vorhandenes nutzte. Unter anderem waren von Horst Schulz aus Papier gefertigte Kästchen mit Deckel zu sehen, wahre Kunstwerke.
Und auch zwei Strickdecken in Kunststrickerei, eine davon kann man glücklicherweise hier sehen.

 

Bildquelle http://blog.smb.museum/lieblingsstuecke-die-decke-aus-dem-fluechtlingslager/

Hier kann man auch die Geschichte lesen, dass das Strickmaterial aus Jutesäcken gezogene Fäden waren.

Dennoch bin ich nicht ambitioniert, die aufgeschnittenen Fäden zu verarbeiten. Entweder, sie gehen zum Kindergarten oder ich schnipple sie noch kürzer und stelle sie den Vögeln im Frühjahr als Nistmaterial zur Verfügung.

Die meisten Informationen über Horst Schulz und seine Technik gibt es definitiv bei Liane Schommertz

 

4 Gedanken zu „Stricktechnisch: Minimengen. Und: was wir von Horst Schulz lernen können

  1. Steff sagt:

    Moin,

    normalerweise filzt Wolle für Gobelin-arbeiten hervorragend. Ich habe einmal aus alten Strängen Filzpuschen gestrickt und danach in der Waschmaschine gefilzt. Vieleicht könnte man die kurzen Fäden zu etwas verarbeiten, was man danach filzt und so auch keine Gefahr mehr des sich-auflösens bestseht.

    Übrigens stehen Katzen oft auf gefilzte Bettchen oder Decken 😉 Vielleicht wäre das ja auch die Gelegenheit für dein Fellchen etwas zu fabrizieren?

    Antworten
    • LanArta sagt:

      Hallo, Steff,

      danke für deine Info!
      Ich hatte den Schal brühheiß mit Olivenseife gewaschen, da kam auch ordentlich Dreck raus. Filzen hatte ich geradezu erwartet, aber die Rubbelei war wohl nicht ausgiebig genug.

      Unsere Kätzinnen mochten die gefilzten Bettchen und Höhlen sehr gerne. Unser Kater überhaupt nicht, so dass ich Filzhöhle und Bett zu den Nachbarn mit fünf Katzen gebracht habe. Die haben sich gefreut!

      Aber den Gedanken behalte ich im Hinterkopf. Ich stelle mir gerade eine gefilzte naturfarbene Tasche vor, wo die bunten Fäden „wild“ eingefilzt werden.
      Vielen Dank für die Idee! Auch die Filzpuschensind eine Überlegung wert.

      Viele Grüße

       

      Michaela

      Antworten
  2. Anna sagt:

    Ich bin eine große Verehrerin von Horst Schulz. Aber die abgeschnittenen Fäden stopfe ich doch lieber in meine kleinen gestrickten Bären. Oder gebe sie, wie Du, den Vögeln.

    Der Schal ist toll. Wirklich eine schöne Verwertung der Restwolle. Ich bin ja auch sehr fürs (neudeutsch) „Upcycling“ und horte große Mengen ausrangierter Leinenwäsche – kann man tolle Sachen draus nähen – und abgeschnittener Knöpfe.

    Grüße von Anna!

    Antworten
    • LanArta sagt:

      Hallo, Anna,

      danke für dein Kompliment!

      Auch eine prima Idee: Stopfmaterial für Tierchen. Gleich mal merken, da steht was an.
      Ich bin nicht so der Nähkünstler. Aber für Leinenwäsche habe ich auch Verwertung. Wo immer ich bei Haushaltsauflösungen oder Flohmärkten was sehe, nehme ich das mit. Wir haben hier am Ort den größten Kostümverleih Baden-Württembergs. Mit sehr vielen echten historischen Kostümen. Beispielsweise war das Kleid unserer letzten Burgherrin, die 1610 starb, bei unserem Theaterfestival auch wieder im Einsatz.
      Leider bleibt es nicht aus, dass die Sachen zerschlissen werden, oder mürbe.
      Die Leinenhemden und -blusen werden dann neu genäht oder geflickt, daher sind die Schneiderinnen  im Kostümfundus scharf auf alles aus Leinen.

      Ich brauche demnächst viele weiße Knöpfe. Wie viele, weiß ich erst, wenn ich das Garn für’s Projekt aufgebraucht habe. Es wird gestrickt, bis es verbraucht ist.

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