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Nehmt dies, Maschenproben-Verächter!

Etliche meinen, Maschenproben seien etwas für Weicheier. Manche behaupten sogar, sie hätten noch nie eine Maschenprobe gemacht, und immer habe alles wunderbar gepasst. Hmnja, wenn man auf Säcke ohne Formung steht oder es einem am Arm vorbei geht, ob das  Strickstück nach dem Waschen 20cm länger ist, dann mag diese Auffassung stimmen.
Es gibt sogar Strickerinnen, die glauben, wenn man exakt nach Anleitung arbeite, könne gar nichts schief gehen.
Wer schon eine Weile mit Stricknadeln und Garn unterwegs ist, sammelt Erfahrung. Insbesondere was den Zusammenhang zwischen Garnsorte, Stricknadeln und der eigenen Strickfestigkeit anbelangt.

Beim Blick auf die Garnbanderolen schaudert mich oft. Insbesondere, wenn ich auf deutsche Garn-Waschzettel schaue.
Die angegebenen Nadelstärken sind für das Garn meistens nicht geeignet, weil viel zu hoch angesetzt. Gleichartige Garne werden in angelsächsischen oder nordeuropäischen Gegenden mit viel geringerer Nadelstärke verarbeitet. Auch die Nadelstärken in den USA sind meist viel niedriger angesetzt als bei uns. Und mit Recht: diese schlabberige Anmutung des Strickstücks, mit großen Nadeln verarbeitet, garantiert Passformmängel und rasches Ausleiern.

Betrachten wir die Garnart. Pflanzliche Garne wie Baumwolle oder Leinen sind im Verhältnis zu tierischen Fasern – abgesehen von Seide – viel schwerer. Sie leiern also schon durch das Gewicht viel mehr. Hier ohne Maschenprobe loszunadeln ist grob fahrlässig, aber wer auf dem harten Wege lernen will: nur zu!

Merino, ein beliebtes Garn, weil schön weich, leiert ebenfalls nach der Wäsche. Beim Trocknen zieht es sich zwar wieder etwas zusammen, aber es kommt nie wieder zu der Form vor dem Waschen. Mich schaudert’s, wenn ich auf einer Banderole von Merinogarn mit 140m/50g als Lauflänge eine Nadelstärke von 4,5mm angegeben sehe. Abgesehen davon, dass die Maschenprobe nach dem Waschen schon erheblich größer sein wird, kommt noch ein anderer Aspekt dazu. Immer wieder lese ich bei Garnbesprechungen auf Ravelry, dass ein Garn unglaublich pillt. Wen wundert es. Naturgarne lose verstrickt pillen einfach. Wenn sie „artgerecht“, also mit dünneren Nadeln verstrickt werden, ist der Abrieb viel geringer.
Wer also Wert auf labberige Strickstücke legt, die nach dem Waschen noch mehr die Form verlieren und an den Reibeflächen Knötchen bilden, glaube an die Angaben auf dem Umbändchen und spare eine Maschenprobe.

Ich selbst gehöre zu den Feststrickern und stricke Maschenproben dennoch generell mit zwei Nadelstärken geringer als empfohlen, also maximal 3,5mm anstatt 4,5mm.
Ich rede hier von Maschenproben für Kleidungsstücke mit Passform, nicht von Schals oder Tüchern, wo es nicht darauf ankommt.

So gern man gleich mit dem Kleidungsstück anfangen möchte: eine Maschenprobe gehört gewaschen, und zwar so, wie man später auch das Kleidungsstück wäscht. Erst nach dem Trocknen offenbart sich,

  • ob das Muster genau so wird, wie man es haben möchte
  • ob sich die Maschenprobe nach dem Waschen gestreckt oder gestaucht hat, ob sie mehr/weniger Reihen oder mehr/weniger Maschen als vorher hat

Dies sind nur zwei Gesichtspunkte. Gegebenenfalls stellt man auch fest, dass das Garn für das beabsichtigte Projekt ungeeignet ist

In jedem Fall sollte die Maschenprobe vor und nach dem Waschen ausgezählt werden, denn dann erst wird sichtbar, wo genau sich die Struktur oder die Größe verändert hat.

Zum Beleg meiner Ausführungen zeige ich zwei, bzw. vier Proben.
Zunächst ein Beispiel, bei dem die Maschenproben mit herkömmlichem Sockengarn und Nadelstärke 3mm verstrickt wird. Da es sich um Module handelt, die hinterher diagonal verarbeitet werden, muss man sich um Verlängerung keine Gedanken machen.
Die ungewaschene Maschenprobe hat 17cm Breite, die gewaschene 18,5cm. Die Längen blieben gleich.
Legt man die Werte auf ein Kleidungsstück mit ca. 100cm Brustumfang zugrunde, hätte es nach dem Waschen 109cm Umfang.

 

Mapro2.1

 

 

Der grüne Strich zeigt den Unterschied.

 

 

 

 

 

 

Mapro1

Noch krasser sieht es hier beim Krausstricken aus:
Das Ausgangsstück – ungewaschen – hatte 16cm, das gewaschene 19cm.

Hier hätte sich das Kleidungsstück vom ungewaschenen zum gewaschenen Zustand von 100cm Umfang auf 119cm Umfang erweitert.

Für das Garn von DROPS, eine Mischung von Baumwolle und Merino wird eine Nadelstärke von 4mm empfohlen, ich habe 3mm genommen.
Ich will gar nicht wissen, was für ein formloser Lappen das mit 4mm gestrickt geworden wäre.
Gleichzeitig habe ich die Maschenprobe genutzt, verschiedene Randmaschen auszuprobieren. Man sieht, welche ich genommen habe. Es ist nicht diejenige aus der Anleitung, diese sah einfach nur scheußlich aus.

Für Strickanfängerinnen ist das eine fatale Situation, sich auf die Angaben der Hersteller verlassen zu müssen. Da hilft nur eins: Erfahrungen machen, Ergebnisse notieren, dazu lernen.  Der Frust, Zeit in eine Maschenprobe zu stecken, bevor man anfängt, ist ungleich geringer, als beim fertigen Strickstück zu merken, dass viel Zeit in ein Projekt gesteckt wurde, das ungetragen im Schrank verendet.

2 Gedanken zu „Nehmt dies, Maschenproben-Verächter!

  1. Anke Strickrubin sagt:

    Hallo,

    ich mache auch immer Maschenprobe,  allerdings habe ich über die letzten ca. 5Jahre erst die viel zu große Angaben beobachtet. Bis dahin konnte ich bei z.B. 3-4  entweder die 3 oder die 3,5er NS nehmen, heute geht das gar nicht mehr. Ich muss bis zu einer NS kleiner als die kleinste Angabe nehmen. Das liegt wirklich nicht daran das ich anders stricke, sondern an den in meinen Augen falschen Angaben.

    LG Anke Strickrubin

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    • LanArta sagt:

      Hallo, Anke,

      ich kann dir nur unumwunden zustimmen. Früher konnte man ungefähr sagen: 120m/50g Lauflänge, da nimmt man NS 4 und hat ziemlich verlässlich 20M/10cm.
      Manche Garne haben eine seltsame Struktur, die sich beim Waschen verändert. Shetland oder estnisches Garn ist noch am verlässlichsten.

      Mir erschließt sich der Sinn nicht, so große Nadelstärken anzugeben.

      Antworten

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